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«Man macht dabei noch etwas Sinnvolles»

Was gibt es wohl Schöneres als Zeit geschenkt zu bekommen? Die freiwilligen Helfer und Helferinnen vom «Zeitpolster» unterstützen Personen, die Hilfe benötigen. (Vaterland vom 30.11.2021/Lars Beck)

Was genau ist das «Zeitpolster»?
Gerlinde Uhlmann:  Das Zeitpolster ist eine Institution auf Basis der Freiwilligenarbeit. Die Zeit, die wir dabei investieren, wird uns gutgeschrieben. Diese kann ich dann im Alter, wenn ich sie brauche, wieder beziehen.
Andreas Augsburger:  Es ist egal, um welche Arbeit es sich handelt – sie wird einem auf einem Konto gutgeschrieben. Später, wenn man es selbst benötigt, kann man es einlösen. Wenn wir einmal Hilfe brauchen, wird uns ein anderer helfen und die Stunden abgelten. Es geht mir aber nicht darum, Stunden anzuhäufen, sondern für mich persönlich ist es eine Freiwilligenarbeit, ein Dienst an der Gesellschaft. 
Gerlinde Uhlmann:  Ich sehe es genauso. In Altersheimen gibt es bereits Amateurinnen, die sich zu älteren Leuten hinsetzen, zuhören oder mit ihnen spazieren gehen. Deshalb möchte ich mich für Menschen einsetzen, denen ich auch nütze. Also nicht jemandem, der schon im Altersheim ist, sondern jemandem, der noch zu Hause lebt und dem ich dort mithelfe.
Andreas Augsburger: Ich kann mit den Klienten einen Ausflug machen oder irgendwohin fahren. Oder ich helfe im Garten mit. Egal was, wir helfen überall mit. Oder wir ent­lasten Angehörige, damit sie einmal einen halben Tag frei­machen können. Es ist wirklich spannend.

An wen richtet sich das Angebot von Zeitpolster?
Andreas Augsburger: An alle Menschen egal welchen Alters, die Hilfe benötigen. Die zu Betreuenden zahlen in der Stunde zehn Franken. Von diesem Geld fliesst ein Teil in einen Topf. Falls jemand im Alter diese Leistung nicht abrufen kann, kann er sich von diesem Topf bedienen, in den er früher einbezahlt hat.

Können Sie Ihre Arbeit beschreiben?
Gerlinde Uhlmann: Ich betreue seit fast bald zwei Jahren eine 87-jährige Frau, die beinahe blind ist. Viermal in der Woche kommt die Spitex bzw. die Familienhilfe zu ihr. Doch die administrativen Dinge wie Belege, Rechnungen und Bankauszüge ablegen, übernehme ich für sie. Nach wie vor geht sie mit der Familienhilfe auf die Post, um ihre Rechnungen einzu­zahlen, die ich anschliessend ablege. Oder ich fahre sie zum Arzt. Wenn wir schon zusammen mit meinem Auto unterwegs sind, dann verbindet sie dies gerade noch mit einem Einkauf. Im Frühling habe ich viele Impffahrten (ins Impfzentrum) für ältere Leute übernommen. 
Andreas Augsburger: Der erste Kontakt geht über das Zeitpolster. Darauf fragt das Zeitpolster uns Fahrerinnen und Fahrer an, ob wir Zeit hätten, den Auftrag auszuführen. Nach der zweiten Fahrt oder zweiten Dienstleistung kann der Klient dann direkt bei uns anrufen. Ich fahre hauptsächlich die Leute zum Arzt oder Zahnarzt. Ich kann dann die Zeit auf einem Formular ­notieren und Ende Monat beim Zeitpolster abgeben. Aber wie gesagt, für mich sind es nicht die Stunden, die mich motivieren. Wir haben so lange von diesem System in Liechtenstein profitiert, dass man etwas im guten Sinne zurückgeben kann. Wir fahren ja mit dem Privatauto und das Benzin bezahlen wir selbst, aber das spielt gar keine Rolle. 
Gerlinde Uhlmann: Die Fahrzeit wird aber doppelt berechnet. Wenn wir 20 Minuten fahren, dann werden uns 40 Minuten gutgeschrieben. Einmal im Monat füllen wir dann das Formular aus, mit wem wir wie lange unterwegs waren. Dieses schicken wir dann per Post oder via E-Mail ans Zeitpolster.
Andreas Augsburger: Es gibt so viele Menschen in Liechtenstein, die Hilfe benötigen. Das ist kaum zu glauben. Hierzulande scheint immer alles heiterer Sonnenschein zu sein. Es gibt bei uns enorm viele Leute, die auf Hilfe angewiesen sind. Es kann ein Umzug sein, den Garten jäten und so weiter. Die Leute sind sehr dankbar.

Sind Sie nur für Ihre Gemeinde zuständig oder im Ober- bzw. Unterland im Einsatz?
Gerlinde Uhlmann: Bis jetzt habe ich nur in Balzers geholfen und hier Einsätze geleistet. Es wäre für mich aber auch keine Sache, wenn ich einmal in Triesen oder Vaduz helfen könnte.
Andreas Augsburger: Es kann schon sein, dass wir mal einen Einsatz in einer anderen Gemeinde haben. Ich bin zwar in Ruggell zuständig, bin aber schon in Eschen oder Bendern gefahren. Was ich daran besonders schätze, sind die sozialen Kontakte. Man trifft diese Leute gar nicht mehr. Die Leute sind zu Hause, weil sie nicht mehr rausgehen. Durch das Zeitpolster trifft man sie wieder, nachdem man sie lange Zeit nicht mehr gesehen hatte. 

Wieso sind Sie Helfer beim Zeitpolster? Was hat Sie bewegt, dabei zu sein?
Gerlinde Uhlmann: Für mich war der Ansporn, etwas Gutes zu tun und anderen zu helfen. Ich werde ja auch älter und man weiss nie, was auf einen zukommt. 
Andreas Augsburger:  Für mich war immer schon klar, dass wenn ich mich früh pensionieren lasse, dann möchte ich mich wirklich engagieren und den Leuten etwas zurückgeben. Deshalb war für mich gleich klar, beim Zeitpolster dabei zu sein. Ich bin auch bei anderen Organisationen dabei, ich fahre auch für den LBV, den Liechtensteiner Behindertenverband. 

Was begeistert Sie an dieser Aufgabe?
Gerlinde Uhlmann: Jemandem helfen zu können, der die Hilfe wirklich braucht. Das ist für mich eine grosse Motivation, beim Zeitpolster dabei zu sein.
Andreas Augsburger:  Schön ist auch das Lächeln der Menschen, wenn ich für sie da sein kann und sie pünktlich für einen Termin abhole. Diese Zufriedenheit und dieses Lächeln ist ein grosser Dank an dieser Arbeit. Das gibt mir auch Bestätigung, dass ich das Richtige mache. Die Leute sind sehr dankbar, wenn sie Hilfe bekommen.

Wie sehen Ihre Arbeitszeiten aus?
Gerlinde Uhlmann: Wochenend­einsätze sind eher selten. Es kann vor­kommen, aber ich hatte noch nie einen. Meine Klientin hatte einmal an einem Sonntag ein Problem mit ihrem Gefrierschrank. Da mein Mann pensionierter Elektriker ist, habe ich ihn geschickt, und der konnte das Problem beheben.
Andreas Augsburger: Die Wochen­endeinsätze werden abgesprochen. Die Klienten dürfen anrufen und ich kann 
ihnen zu- oder absagen. Ich muss nicht ständig Zeit haben. Wenn ich nicht kann, dann übernimmt jemand anderer. Aber glücklicherweise gibt es viele freiwillige Helfer bei uns, die Zeit haben. 
Gerlinde Uhlmann: Es kann auch sein, dass ich jemanden zugeteilt bekomme, und diese Person mich aber nicht mag, dann kann die Klientin auch sagen, dass sie lieber eine andere Helferin haben möchte. 

Wie kann man Helfer oder Betreuer bei Zeitpolster werden?
Gerlinde Uhlmann: Das erste Mal auf das Zeitpolster gestossen bin ich, als ich ein Interview mit Ewald Ospelt im 1FL TV gesehen hatte. Kurze Zeit später lag ein Flyer in meinem Briefkasten, und da habe ich mich angemeldet. Das war Anfang 2020. Danach kam dann der Lockdown. Ab Mai und Juni ging es schliesslich los, und ich bekam meine Klientin zugeteilt.
Andreas Augsburger: Ich habe eine Anzeige vom Zeitpolster in der Zeitung gesehen und habe mir gedacht, dass das etwas für mich wäre. Daraufhin habe ich mich registriert und angemeldet. Es war aber eben, wie gesagt, Corona und dann ging lange Zeit nichts mehr. Niemand wusste, wann und wie es vorwärtsgehen sollte. So ab Ende 2020 gingen dann sehr viel mehr Aufträge ein.

Was ist ein Zeitgutschein, den man bei Ihnen einlösen kann?
Gerlinde Uhlmann: Zur Weihnachtszeit lanciert das Zeitpolster eine Aktion, wobei man seinen Eltern beispielsweise zehn Stunden schenken kann. Man zahlt hundert Franken und erhält einen Gutschein von zehn Stunden beim Zeitpolster. Den Gutschein können dann die Eltern einlösen. 

Wie feiern Sie dieses Jahr Weih­nachten?
Andreas Augsburger: Ganz normal. Mit einem Teil der Familie. Es gibt einen Weihnachtsbaum mit richtigen 
Kerzen. Wir musizieren zusammen, Geschenke austeilen, eventuell in die Kirche gehen und einen Rumtopf geniessen. Den mache ich jedes Jahr und wird von vielen Leuten sehr geschätzt.
Gerlinde Uhlmann: Hoffentlich anders als letztes Jahr. Wir feiern traditionell mit der Familie. An Heiligabend sind wir immer zehn Personen, nur letztes Jahr ging das eben nicht. Dieses Jahr werden wir hoffentlich wieder in alter Manier feiern können.

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